aus: Norbert Netsch (Hg.) Blick in die Vergangenheit von Mauer (1993/4)

Leben im Haus Maurer Lange Gasse 1
von Norbert Netsch

Das Haus Maurer Lange Gasse 1 wird derzeit von zwei Familien bewohnt. Karl Kirbisch wohnt im linken Seitentrakt mit seiner Frau, die Familie Kozumplik bewohnt den Mitteltrakt. Der rechte Trakt blieb den Hausbesitzern; seit dem Tod Frau Prof. Karliks ist er unbewohnt.

Herr Kirbisch, trotz seiner 82 Jahre noch bemerkenswert aktiv, betreut den 18.000 Quadratmeter großen Garten, der stetig ansteigend bis zur Haymogasse reicht. Die Ostseite ist durchgehend bewaldet, wobei eine 300 Jahre alte Blutbuche neben 200 Jahre alten Buchen und Eschen besonders beeindruckt. Die Westseite des Gartens besteht aus Wiesen und Obstbaumkulturen (ein über hundert Jahre alter Marillenbaum trägt erst seit letztem Jahr keine Früchte mehr). Einer der letzten Aschitzenbäume steht ebenfalls auf diesem Grund (der Aschitzenbaum hat in unserem Bereich seine nördlichste Verbreitung). Vom oberen Bereich der Wiese sieht man bis zum Kahlenberg.

Eine Linde, die ebenfalls bald nach der zweiten Türkenbelagerung gepflanzt worden sein dürfte, zur Zeit der Napoleonischen Einquartierungen also schon ein imposanter Baum war, bietet in ihrem mächtigen Stamm einer Madonna Platz, die im Laufe der Jahre dort eingewachsen ist. Neben Gemüsebeeten gibt es auch zahlreiche Blumenbeete im Garten, wobei Herr Kirbisch die Rose besonders schätzt. Er hat sogar Schneerosen selbst gezogen. Da er seine Blumen auch gerne verschenkt, wird er in der Maurer Damenwelt gerne als Rosenkavalier bezeichnet.

Gleich bei der Haymogasse fällt ein kleines, etwas baufälliges Häuschen auf, das st raßenseitig beinahe völlig verwachsen ist). Früher war es doppelt so hoch und diente als Aussichtsturm, von dem aus die in der "Garried" werkenden Feldarbeiter kontrolliert wurden. Im unteren Bereich gibt es neben den früher gerne benützten Saletteln auch einige Nebengebäude. Herrn Kirbischs Garage war früher beispielsweise ein Pferdestall (das äußerst linke Bild auf unserem Titel), was durch bestimmtes Einrichtungsgegenstände noch heute leicht erkennbar ist. Ein in der Zwischenzeit nicht mehr benütztes großes Glashaus beweist, dass sich auch schon frühere Generationen auf diesem Grundstück intensiv mit der Gartenkultur auseinandergesetzt haben.

Stummer Zeuge einer bewegten Vergangenheit ist auch der riesige Keller des Hauses, derweit in den Garten hineinreicht und bis zur Ostgrenze des Grundstückes gegraben wurde. Drei breite tunnelartige Gänge stehen normal zur Lange Gasse und sind durch schmälere Gänge miteinander verbunden. Das Kellergewölbe ist aus Ziegeln gemauert, der Boden besteht aus Lehm. Der bemerkenswert kühle Keller hat sich natürlich vortrefflich zur Weinlagerung geeignet. Ein Umstand, den bis vor kurzer Zeit auch noch die Familie Steinklammer genützt hat, um 1900 hat die Firma Baier den Keller für ihr umfangreiches Lager benötigt (siehe Titel).

Das Haus mit seinen dicken Mauern (teilweise noch aus Naturstein), kleinen, aber zahlreichen eher dunklen Räumen spiegelt die Wohnkultur einer vergangenen Zeit wider. Sitzt man aber auf einem Korbsessel im Hof vor der wunderschönen Freitreppe, so empfindet man den stetigen Wind aus den ehemaligen Herzmanskyfeldern, der trotz der starken Verbauung im Bereich Karl Schwed-Gasse immer noch seinen Weg findet, an heißen Sommertagen besonders angenehm. Genauso angenehm, wie die Menschen, die schon vor Jahrhunderten auf diesem Platz Erholung suchten.