Alfred Hallwachs
Mauer im Luftkrieg

Während deutsche Städte bereits unter den Luftangriffen zu leiden hatten (erster Luftangriff auf München am 20. Sept. 1942, auf Nürnberg am 26. Februar 1943) wurde Wien noch verschont.

Von Fembombern der Royal Air Force war zwar schon im Winter 1941/42 der österreichische Luftraum überflogen worden, doch dauerte es noch bis zum 13. August 1943 bis zum großen Luftangriff der USAAF. Ihr Ziel war Wiener Neustadt.

Infolge der zunehmenden Bombardierung deutscher Städte wurden die dadurch bedrohten Rüstungsbetriebe zunehmend nach Österreich verlegt. So auch in unseren Bezirk.

Mitte 1942 sind mehrere feindliche Fallschirmagenten bei Wien gefangengenommen worden. Ihre Aufgabe bestand in der Erkundung von Luftzielen und der periodischen Durchgabe von Wettermeldungen.

Mit dem Ausbau der Luftverteidigung, mit dem Schwergewicht Flakartillerie wurde im Sommer 1942 verstärkt begonnen. Wien gehörte zum Luftgaukommando XVII. Zur II. Flak-Untergruppe Laaerberg der 24. Flak-Division gehörten: Küniglberg, Rodaun, Atzgersdorf, Vösendorf, Wienerberg.

Die Flakstellung auf dem Maurerberg gehörte zum äußeren Ring. Sie bestand aus der schweren Flak-Abteilung 4/532 und 6/533 (beide 8,8 cm).

Am 7. Jänner 1943 wurde nach endlosen Konferenzen über die Rekrutierung von "Flakhelfern" entschieden. Vorgesehen war vorerst nur einen Teil der 16- und 17jährigen Schüler der höheren und mittleren Schulen einzubeziehen. Der Einsatz hatte örtlich, d.h. am Schulort oder in dessen Umgebung zu erfolgen.

Am 15. Februar 1943 wurden in Wien die ersten Luftwaffenhelfer in der Karl-Kaserne und der Trostkaserne bei Hochnebel und 17 Minusgraden eingezogen. Von den ursprünglich angeforderten 2.248 Schülern im Luftgau XVII wurden schließlich an diesem Tag 1.349 aus den höheren Schulen zum Kriegshilfseinsatz bei der Luftwaffe geholt.

Die meisten der im Februar 1943 einberufenen Luftwaffenhelfer hatten einen Großteil ihrer Bekleidungs- und Ausrüstungsgegenstände selber mitzubringen. Ab Mitte 1943 entfiel dann diese "Selbstversorgung" und die alten wie auch die neu einzuziehenden Luftwaffenhelfer wurden voll aus Truppenbeständen ausgerüstet. Um einigermaßen passende Strümpfe, Unterwäsche, Uniformen, vor allem Schuhe und Stahlhelme zu ergattern, hieß es untereinander zu tauschen.

Nach der Grundausbildung ging man zur Spezialausbildung über. Zwischen zwei Wochen und zwei Monaten dauerte diese konzentrierte Schulung. Nebenbei sollte auch noch 18 Stunden à 45 Minuten Unterricht in der Wochen abgehalten werden. Was sich kaum durchführen ließ. Die Probleme bei der schulischen Weiterbildung der Luftwaffenhelfer nahmen mit der Verschärfung der Luftkriegslage zu. Die Betreuungslehrer mußten den Unterricht in den Batterien halten, eine geregelte Unterrichtstätigkeit wurde durch die sich mehrenden "Störflugzeuge" - feindliche Fernaufklärer - illusorisch.

Der stetig steigende Bedarf an neuen Soldaten an den Fronten bewirkte schon im August 1943 eine weitere Einberufung. Nach und nach wurden die Jahrgänge 1926, 1927 und 1928 erfaßt und eingezogen. Ab dem letzten Viertel auch Schüler des Jahrganges 1929. Im Zuge der Sommererfassung für den Augusttermin wurden Oberschüler der 6. (281), 7. (296) und 8. Klasse (1 10) ausgemustert, von denen 126 zur 16. Flakbrigarde nach Wien-Mauer-Georgenberg einberufen wurden.

Am 13. August 1943 um 7.15 Uhr Lokalzeit hoben die ersten Maschinen mit einem Startgewicht von über 62.000 Pfund, also mehr als 28 Tonnen, von den Flugplätzen um Bengasi ab, die Operation "Juggler" (Jongleur) nahm seinen Anfang. Das Ziel war das rund 1350 km entfernte Wiener Neustadt, das in etwa viereinhalb Stunden zu erreichen war. Von den ursprünglich gestarteten 83 Maschinen fielen durch Zwischenfälle 22 Maschinen aus. 61 Bomber blieben auf dem vorgesehenen Kurs. Auf jugoslawischem Gebiet, sowie über dem Plattensee wurden sie von Flak beschossen, konnten aber ohne nennenswerte Beschädigung ihren Flug fortsetzen. Über dem Neusiedlersee wurden die 61 B-24 "Librator"-Bomber von der schweren Batterie der Flak-Artilerieschule Rust/Oggau unter Beschuß genommen. Es war knapp vor 14.00 Uhr deutscher Sommerzeit als in Wiener Neustadt die Sirenen heulten und die Bomber in fast 7.000 Meter Höhe heranflogen. Der Flakschutz von Wiener Neustadt befand sich erst im Aufbaustadium und es gab bei den Batterien keine Funkmeßgeräte. So war man auf Geräusch- und Sichtmeidungen angewiesen. Der Angriff erfolgte in drei Wellen. Die erste Welle kam aus Südost, die zweite vorerst aus Südost, ist aber bis in den Raum Mödling geflogen, haben dann eine Kehre gemacht und den Anflug aus Nord wiederholt. Die dritte Welle kam aus Süden angeflogen. Insgesamt wurden 320.000 Pfund und zusätzlich noch 370 Stabbrandbomben abgeworfen. Zwischen dem Aufheulen der Sirenen und den ersten Bombeneinschlägen lagen nur wenige Minuten. Es herrschte einige Verwirrung. Es gab keinen Voralarm, sondern gleich den Dauerton, was wiederum auf einen Probealarm schließen ließ. Der Einschlag der ersten Bomben beseitigte allerdings jeden Zweifel. Die verhältnismäßig wenigen Bomben, die in das engere Stadtgebiet fielen, forderten unter den gerade zu den Schutzräumen rennenden Menschen verhältnismäßig viele Opfer. Um 14.15 Uhr deutscher Sommerzeit war der Angriff der 61 B-24 "Librator"-Bomber vorüber.

In Wien hatte man sich schon an die täglichen Luftwarnungen gewöhnt. Und so war man nicht sonderlich besorgt, denn der Luftkrieg spielte sich - bis dahin - ohnehin nur am Rande der Stadt ab.

So auch am Pfingstmontag, den 29. Mai 1944. Viele tausend Wiener machen sich für den Pfingstausflug in den Wiener Wald bereit. Die Straßenbahnen sind voll mit Sonnenhungrigen. Bis knapp vor 10 Uhr Alarm gegeben wird. Alles sucht die Keller auf oder wandert in die freie Natur hinaus. Nach einer schwachen Stunde wird Entwarnung gegeben. Die Ausflügler setzen ihren Weg ins Grüne fort. Da setzt plötzlich Kanonendonner ein, die Sirenen heulen Vollalarm. Über das Breitenfurter Tal und die Föhrenberge nähert sich eine Welle viermotoriger Bomber. Gefolgt von zwei weiteren Wellen greifen diese Mauer, Atzgersdorf, Liesing und Favoriten an. In Atzgersdorf erhält ein bei dem alten Bahnübergang wartender Munitionszug mehrere Treffer. Die Kunstfettfabrik an der Triesterstraße steht ebenfalls in Flammen. Zudem werden mehrere Wohnhäuser und Werkshallen getroffen. Es dürften dabei mehr als die offiziell festgestellten 60 Personen ums Leben gekommen sein. Nun ist der Krieg mitten in die Stadt vorgedrungen.

Gegen die in rund 6000 Meter Höhe dahinziehenden amerikanischen Bombengeschwader waren selbst die stärksten Flakballungen eher machtlos.

Schilderung der Situation nach dem Angriff vom 23. August 1944

Steigt man in Mauer aus und geht längs der Straßenbahn bis zur Hasnergasse (Anton Krieger-Gasse), so kann man die ersten Bombentrichter in den Privatgärten linker Hand feststellen. Biegt man in die Hasnergasse ein, so zählt man bis zum Beginn der Felder vier total zerstörte Villen. Durch den Luftdruck wurden auch die angrenzenden Villen und Häuschen stark beschädigt, insbesondere Dach- und Fensterschäden. Die Felder zwischen Atzgersdorf und Liesing weisen viele Trichter auf. Am 21. Februar und am 22. März 1945 fallen wieder Bomben auf Mauer. Am 3. April 1945 erfolgte der letzte durch Sirenen gegebene Fliegeralarm. In Wien begann man mit dem Barrikadenbau.

Als einzige wirksame Abwehr blieben die für die Luftverteidigung errichteten Flak-Gürtel. Seit Ende 1944 wurden sie für den Erdeinsatz vorbereitet. Durch das teilweise Niederreißen der Splitterwälle wurden sie in die Lage versetzt, normal artilleristisch zu wirken. Der Nachteil, die auf Betonsockel montierten Geschütze konnten wegen meist fehlender Lafetten und Transportmittel nur bedingt mobil gemacht werden. Die nur stützpunktartige Ansammlung der einzelnen Batterien konnten demnach auch kaum als Verteidigungssystem angesehen werden.

Dennoch wurde der Vormarsch der Russen durch die Flak-Batterien, welche seit dem 6. April 1945 in den Endkampf eingriffen, um einiges verlangsamt. Konnte sich die eine oder andere Batterie rechtzeitig aus der Gefahrenzone, auf einen anderen Punkt zurückziehen, so erfüllte sich für die anderen wiederum ihr Schicksal am Ort ihrer Batterie. Diese wurde trotz erbitterter Gegenwehr durch Granatwerfer sturmreif geschossen und überrannt. Der Batteriechef wurde daraufhin erschossen.

Nachdem durch den Einbruch ins Helenental eine weitere Verteidigung des Eichkogel sinnlos wurde, zog sich die Batterie nach Mauer zurück. Die ortsfesten Geschütze wurden gesprengt. Gemeinsam mit der Rodauner Flak setzte sich dieser Endkampf gegen Ziele im Süden (Laxenburg) fort.

Als es auch hier notwendig wurde, die Stellung zu räumen, zogen sich die nun zu Kampftrupps gewordenen Eichkogler über den Rosenhügel zur Johnstraße zurück.

Die ebenfalls zu FlakKampftrupps zersplitterte RAD-Batterie Rodaun (7./ 355) wurde in drei Gruppen aufgeteilt. Im Wiental, Kierlingtal und bei Kritzendorf wurden diese jeweils aufgerieben.

Währenddessen schossen die Geschütze von den Flaktürmen, bis ihnen die Munition ausging. Bei allen militärischen Operationen griffen die Russen selbst kleine Orte jeweils von zwei Seiten an. Am 3. April 1945 erreichten die sowjetischen Truppen Baden. Dort teilten sie sich, indem ein Teil durchs Helenental in Richtung Heiligenkreuz und Alland vorstieß und der andere Keil den Angriff über Pfaffstätten fortsetzte.

In Baden wurden mehrere hohe russische Kommandostellen und das Militärgericht eingerichtet. Zahlreiche Gebäude, Hotels und Kurhäuser wurden beschlagnahmt. Am 4. April 1945 wurde Mödling besetzt. Die letzten Verteidiger am Eichkogel setzten sich ab oder wurden getötet. Mödling wurde nur mäßig verteidigt, da das Gros der Truppen nach Wien abgezogen wurden. Schwere Schäden entstanden durch einen vorhergegangenen Artilleriebeschuß.

Am 5. April wurde Gießhübel eingenommen. Von dort aus beschoß russische Artillerie die Stellungen der Rodauner Flak-Batterie. Die deutschen Einheiten zogen sich nach Kaltenleutgeben zurück. Am 6. April 1945 wurde der Hochberg in Perchtoldsdorf besetzt. Widerstand leisteten in den umliegenden Weingärten befindliche deutsche Geschütze. Von Brunn am Gebirge her beschossen die Russen den Marktplatz und die Hochstraße. Mehrere Häuser gerieten in Brand und 50 Bewohner büßten ihr Leben ein. Die deutschen Truppen zogen sich nach Mauer und Liesing zurück. Sie wurden von den Russen unter Beschuß genommen.

Kaltenleutgeben erlebte schwere Tage. Deutsche Truppen sollten den Ort in den umliegenden Hangwäldern verteidigen. Doch durch das rasche -Vordringen der Russen, welche über den Gaisberg und dem Eisgraben in den Ort vordrangen, mußte das Vorhaben aufgegeben werden. Dennoch hielten sich die Verteidiger der Ortsmitte und stützpunktweise zu beiden Seiten in den Hangwäldern oberhalb des Ortes. Von der Sulzerhöhe beschossen die Russen den Ort. Nur schrittweise gaben die Deutschen ihre Positionen auf. Die Kämpfe dauerten vom 5. bis zum 7. April. 69 Zivilisten fanden den Tod.

Darunter Dechant Wolf und seine Schwester.

Ebenso 13 Männer, welche im Luftschutzbunker im Eisgraben von den Russen gefangengenommen wurden. Viele Bewohner machten aus Angst oder Verzweiflung ihrem Leben selbst ein Ende.

Die abziehenden deutschen Truppen zogen sich nach Rodaun zurück. Die Polsterer-Mühle wurde in Brand gesteckt. Die nachrückenden russischen Truppen gerieten bei dieser Mühle in einen Hinterhalt und hatten große Verluste.

In der Mühle gingen die Getreide- und Mehlvorräte zugrunde.

Über Hochrotherd und Breitenfurt wurde Wolfsgraben erreicht. In Breitenfurt gab es ein kurzes Gefecht, bei dem 14 Zivilisten den Tod fanden. Mehrere Häuser wurden zerstört oder beschädigt.

In Kalksburg wurden die vorrückenden Truppen der Roten Armee laut Kriegstagebuch der HG-Süd in der Ortsmitte zwischen dem 7. und 8. April aufgehalten. Ob durch Kampfhandlungen oder wegen der gesprengten Brücken, geht daraus leider nicht hervor. Am 9. April 1945 erschienen die ersten Soldaten der sowjetischen Garde-Panzertruppen in Mauer. Sie erkundigten sich nach Volkssturmangehörige, da sie den Auftrag hätten, alle diese Männer zu erschießen, da sie keine Soldaten seien.

Im Zuge der Kampfhandlungen verloren viele Unbeteiligete Zivilisten ihr Leben. Den kämpfenden Truppen folgten die Troßtruppen und mit ihnen viel Ungemach für die weiblichen Bewohner. Mädchen ab zehn Jahren und Frauen bis ins hohe Alter fielen ihnen zum Opfer. Die Frauen versteckten sich, wurden verraten oder aufgestöbert und vergewaltigt. Um ihre Töchter zu schonen, gaben sich manche Mütter den Soldaten hin. Doch half dies nur in wenigen Fällen. So mußten sie dann in ohnmächtiger Qual die Schändung ihrer minderjährigen Kinder mitansehen. Die Straßen und Gasse widerhallten von vergeblichen Hilferufen der Geschändeten. So manche Bedauernswerte wurde von in Reihen angestellten Soldaten mißbraucht. Schwere Verletzungen bis hin zum Tode waren dabei die Folge. Viele zogen den Selbstmord der Schmach vor. Oder ließen sich lieber töten.

Ein besonders tragisches Schicksal hatte eine Frau. Sie war splitternackt auf einen der vorderen Panzer am Turm angebunden. Sie versuchte vergeblich, sich aus ihrer Fesselung zu befreien.

Wenn zudem noch vorher Weinkeller geplündert wurden oder wie in einer Maurer Weinkellerei, selbst die unfertigen Spirituosen getrunken wurden, machten die Soldaten keinen Unterschied zwischem einem Kind oder einer betagten Frau.

Daneben ging das wahllose Plündern und zerstören weiter. Bevorzugt waren "Uhra, Uhra", Schmuck, Geld und Fahrräder. Verlassene Wohnungen wurden geplündert und verwüstet.