(aus: Ferdinand OPLL: Liesing, Geschichte des 23. Wiener Gemeindebezirks und seiner alten Orte, Wien: Jugend & Volk, 1982)

Mauer bis 1848

Die mittelalterlichen Anfänge dieses Ortes, auf dessen Gebiet sich ja die ältesten Besiedlungsspuren unseres Bezirkes befinden, sind dank der Forschungen von Karl Lechner ausreichend aufgehellt. Freilich existieren auch über den Namen und den Ursprung von Mauer manch absonderliche Legenden, deren kurioseste hier mitgeteilt sei: In einem Einblattdruck eines gewissen Anton Schweiger aus dem Jahre 1861 wurde den Gemeindemitgliedern die Mär unterbreitet, das Schloss Mauer sei wegen der in Rodaun und Kalksburg hausenden Raubritter von zwei babenbergischen Markgrafen befestigt worden und nach Errichtung der Erhardi-Kapelle dem Wiener Bürgermeister Maur übergeben worden, der der Siedlung auch den Namen gegeben habe. An diesem Bericht ist allerdings kein wahres Wort!

Die tatsächlichen Anfänge sind zunächst durch die Existenz zweier Bezeichnungen etwas verschleiert. Schon am Ende des 12. Jh.s ist uns der Name "Gereut" erstmals überliefert, der bis ins 15. Jh. verwendet wurde. "Mauer" ist dagegen im Jahre 1210 zum ersten Mal bezeugt. Lechner konnte nun nachweisen, dass sich die "Gereut"-Nennungen eindeutig auf die alte Burg Mauer, die spätere Untere Kaserne (abgetragen, heute etwa zwischen Gebirgs, Schlossgartenstraße und Heudörfelgasse), beziehen, womit ja auch die Herrschaft stets verbunden war. Unter "Mauer" war in dieser Frühzeit dagegen offenbar ein Grabenangerdorf im Bereich Endresstraße und Lange Gasse zu verstehen, wie Adalbert Klaar aufzeigen konnte. Noch im 15. Jh. hören wir von zwei Dörfern "in der Maur", bis dann wahrscheinlich nach 1529 - der heutige Name allein gebräuchlich wurde. Unter Umständen lässt sich die Bezeichnung als "Mauer" mit der Existenz alter, vielleicht sogar römischer Mauerreste am Ort erklären.

Sind uns aus dem Anfang des 13. Jh.s mehrfach Nennungen von Personen nach Gereut überliefert, eine Familie, die noch bis ins 14. Jh. nachzuweisen ist, so dürfte doch die Herrschaft über Schloss und Ort schon um die Mitte des 13. Jh.s an die Wiener Ritterbürgerfamilie der Haimonen übergegangen sein. jedenfalls wissen wir, dass der zwischen 1255 und 1275 nachweisbare Otto aus diesem Geschlecht die St. Andreas-Kapelle in dem Gereut (in der späteren Unteren Kaserne) gestiftet hat. Von seinen Nachkommen erhielt diese Kapelle reiche Stiftungen, im Spätmittelalter entwickelte sich daraus das sogenannte Andreas-Benefizium, ein umfangreicher Komplex von Gütern und Rechten - später eine eigene Grundherrschaft, allerdings ohne eigene Untertanen -, aus deren Erträgnissen Geistliche (Benefiziaten) unterhalten wurden.

Die Haimonen standen zu Ende des 13. Jh.s in Opposition gegen das neue landesfürstliche Geschlecht der Habsburger, eine Haltung, die sie mit mehreren Grundherren in unserem Gebiet teilten (Kalksburg, Rodaun). Nach ihrer Beteiligung am Aufstand gegen Herzog Albrecht mussten sie sich unterwerfen, behielten ihre Besitzungen aber offenbar weiter. Vor 1301 gründeten sie die spätere Salvatorkapelle, heute die altkatholische Kirche neben dem Alten Rathaus in der Wipplingerstraße bzw. Salvatorgasse. Als sie sich aber dann 1309 auch dem Wiener Bürgeraufstand gegen das habsburgische Regiment anschlossen, konfiszierte Herzog Friedrich der Schöne ihre Güter. Das "castrum Gereut", das hiesige Schloss also, wurde an Nikolaus Weyerberger verkauft, bald danach fiel es an die Familie Slat bzw. Slät, die sich nach ihrer Burg im Schlattenbachtal bei Bromberg in der Buckligen Welt nannte.

Am 6. Jänner 1341 kam die Herrschaft im Wege des Tausches an den Mann der Schwester Stephans von Slät, Kadolt den Älteren von Eckartsau, der sie noch im selben Jahr, am 14. November, vom Herzog zu Lehen nahm. Seither ist die landesfürstliche Oberhoheit über Mauer eindeutig nachzuweisen. Die Eckartsauer, die ihren Namen von ihrem Stammsitz im Marchfeld herleiteten, sollten in den nächsten eineinhalb Jahrhunderten eine bedeutende Rolle für mehrere Teile des heutigen Bezirkes spielen, vereinigten sie doch in ihren Händen die Verfügungsgewalt über Erlaa, Kalksburg und Mauer; Kadolt der Ältere war zudem noch Herr von Rodaun. Die Aktivitäten, die diese Familie von Anfang an im Ort setzte, brachten ihr großes Ansehen, sodass der Familienname sogar für Flurnamen herangezogen wurde, (z. B. Kadoltsberg). Auch das kirchliche Leben erfuhr in dieser Epoche entscheidende Förderung: So nahm Kadolt der Ältere schon am 30. November 1343 und damit nur zwei Jahre nach seinem Herrschaftsantritt eine umfangreiche Ausstattung der haimonischen St. Andreas-Kapelle vor und kann durchaus als deren zweiter Gründer angesprochen werden. Bereits damals wurde ein eigener Gutshof erwähnt, in dem der Kaplan dieser Kapelle wohnte, wobei es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um den Vorgängerbau der späteren Engelsburg (abgebrochen, ehemals zwischen Engelsburggasse und Lange Gasse an der Kaserngasse gelegen), den späteren Sitz der Andreas-Kapelle, handelt. Der umfangreiche Besitzkomplex dieser geistlichen Institution, der schon in den achtziger Jahren des 14. Jh.s Burgrechtsdienste (= Zinszahlungen) von Häusern am Kohlmarkt und in der Hochstraße (heute Herrengasse) in Wien geleistet wurden, führte mehrfach zu Streitigkeiten mit dem für Mauer zuständigen Pfarrer in Atzgersdorf. Deutlich werden diese Gegensätze vor allem an der Bezeichnung des Benefiziatenhauses, der späteren Engelsburg also, als "Pfarrhof" im Jahre 1425.

So manche Interessensgegensätze in Mauer hatten ihren Grund in der eminenten wirtschaftlichen Bedeutung des Ortes. Der Weinbau galt ja das ganze Spätmittelalter hindurch als eine der wesentlichen Grundlagen für den ökonomischen Rang der Stadt Wien und ihrer Umgebung. Dieser Faktor des wirtschaftlichen Lebens bestimmte daher auch maßgeblich Bemühungen, im näheren und weiteren Umland der Stadt Weingärten zu erwerben. Dabei ging die räumliche Ausdehnung derartiger Versuche schon im Spätmittelalter weit über das im engeren Einzugsbereich der Stadt gelegene Gebiet hinaus. Mauer war nun seit jeher das Zentrum des Weinbaus im Bezirksgebiet - selbst heute spielt dieser landwirtschaftliche Produktionszweig noch eine Rolle im Ort. Schon im 13. Jh. hatte die Herrschaft der Wiener Familie der Haimonen das massive Interesse an der Nutzung der hierorts vorhandenen wirtschaftlichen Möglichkeiten deutlich erkennen lassen.

Offenbar ist mit dieser wirtschaftlichen Bedeutung auch ein vorübergehender Besitzerwechsel zu Anfang des 15. Jh.s in Verbindung zu bringen, als die Wiener Bürger Hans und Michael die Zinken vorübergehend über die hiesige Herrschaft verfügten. Um die Mitte des 15. Jh.s kam es dann - wieder unter eckartsauischer Herrschaft zur Gründung eines zweiten kirchlichen Heiligtums, das offenbar den Bedürfnissen der aufblühenden Siedlung Rechnung trug. Schon hundert Jahre vorher (1361) wissen wir Ja von 39 Hausbesitzern im Ort, die geistliche Betreuung erfolgte aber von seiten der Atzgersdorfer Pfarre, und der Weg dorthin war nicht gerade kurz. Eine gewisse Rolle spielte, wie wir schon gesehen haben, die Andreas-Kapelle. Mit der Errichtung der 1458 erstmals genannten Erhardskapelle verfügte nun auch der Ort - und nicht nur die Herrschaft - über ein eigenes geistliches Zentrum. Die dadurch erneut auflebenden Gegensätze zur Pfarre Atzgersdorf führten zu langdauernden Streitigkeiten, die erst im 16. Jh. endgültig zugunsten der alten Pfarrechte entschieden wurden.

Gegen Ende des 15. Jh.s wird die Herrschaftsgeschichte etwas unübersichtlich. Der alte Zusammenhang mit Kalksburg dürfte vorübergehend etwas aufgelockert worden sein. Als dann die Eckartsauer 1507 in männlicher Linie ausstarben, konnten die Erben ihre Ansprüche nicht mehr durchsetzen. Der Landesfürst versuchte ab diesem Zeitraum, seine Rechte als Lehensherr und damit seine prinzipielle Oberhoheit finanziell besser zu nutzen. Dies war der Beginn einer achtzigjährigen Epoche von Verpfändungen der Herrschaft. Den Anfang machte Maximilian 1., der Mauer 1503 für eine Schuld von 5 000 Gulden an Helfried von Meggau (t 1539) verpfändete. Als die Erben der Eckartsauer 1512 nochmals ihre Rechte recht energisch verteidigten, stießen sie aber in der Folge auf den massiven Widerstand der niederösterreichischen Kammer, somit der Finanzbehörde, die auf möglichst umfassende, finanzielle Nutzung der landesfürstlichen Oberhoheit drang.

Die wirtschaftliche Stellung des Ortes wurde im Jahre 1529 durch die Türken schwerstens getroffen. Sowohl das Schloss als auch das Benefiziatenhaus an Stelle der späteren Engelsburg fielen den Verwüstungen zum Opfer, noch 1609, also achtzig Jahre später, hören wir von sechzig Brandstätten in Mauer. Dennoch wurde der Wert der Herrschaft auch in dieser Zeit auf etwa 30 000 Gulden geschätzt. Schon 1534 kam sie pfandweise an Marx Beckh von Leopoldsdorf (1491-1553), der 1539 vom Vizedorn in Niederösterreich zum niederösterreichischen Regierungskanzler aufstieg. 1541/42 wurde die Herrschaft an den Obristen über das kaiserliche Fußvolk in Ungarn, Ritter Otto von Tiska auf Finsterwald (in Anerkennung seiner militärischen Verdienste) verpfändet, der auch Instandsetzungsarbeiten am Schloss durchführen ließ. Nach dem Rektor der Wiener Universität, Dr. Jakob Walch von Tessingen, der auch die Herrschaft Erlaa sein Eigen nannte, und dem königlichen Physicus Dr. Gerhard Backe, auch Bencke von Buccoldian, gelangte Mauer an Sigmund Graf zu Lodron, der 1551 auch Mödling um 16 000 Gulden erwerben konnte. Als besonderes Vorrecht konnte der Graf bei Ferdinand 1. erwirken, dass die Herrschaft bis 15 Jahre nach seinem Tod bei seiner Familie bleiben sollte. Dabei wurden die mit der Herrschaft verbundenen Rechte von ihren Inhabern damals kaum an Ort und Stelle verwaltet, sie galten vielmehr weitgehend als reines Vermögensobjekt. Der Graf von Lodron erwirkte in der Folge, dass seinem Nachfolger, dem königlichen Rat Hans Prockh, die herrschaftlichen Rechte bis auf 20 Jahre nach seinem (des Grafen) Tod verbleiben sollten, und so kam es zu zwei Jahrzehnten Prockhscher Herrschaft in Mauer.

Der Zeitraum dieser Pfandherrschaften fiel mit den Anfängen des Protestantismus zusammen. Aus der Geschichte der Pfarre Atzgersdorf, wohin Mauer ja gehörte, wissen wir von der raschen und sehr erfolgreichen Ausbreitung lutherischen Gedankengutes im hiesigen Bereich (siehe S. 18 f.). In Mauer dürften allerdings die Voraussetzungen für die neue Lehre nicht allzu günstig gewesen sein. Die vom Landesfürsten durchgeführten Verpfändungen boten doch offenbar die Möglichkeit, die Katholizität des Herrschaftsinhabers bei der Vergabepolitik stärker in Rechnung zu stellen als etwa bei Lehnsherrschaften in der Hand alteingesessener Familien. Nachrichten über die durchgehende Beachtung der kirchlichen Vorschriften anlässlich einer Kirchenvisitation im Jahre 1555, aber auch die Bemühungen des Grafen von Lodron um die Errichtung einer eigenen Pfarre weisen

jedenfalls darauf hin, dass sich reformatorische Ideen hier weniger stark artikulieren konnten als sonst in der Umgebung.

In den Jahren vor 1580 stand das vertragsmäßige Ende der Prockhschen Ära in Mauer bevor, und Kaiser Rudolf 11. versprach schon 1578 seinem Kämmerer und Obristen, Stallmeister Claudius Tribulz (Trivulzio) Graf von Meltz, die Belehnung mit Mauer. In dieser Zusage war also das Ende der Pfandherrschaft bereits ausgesprochen. Nach verschiedenen Versuchen Hans Baptist Prockhs, das Ende seiner Herrschaft noch hinauszuzögern, wurde mit der Ausstellung des Lehensbriefes am 28. August 1581 der Besitzerwechsel urkundlich festgehalten. Aus dieser Epoche stammt dann auch das älteste erhaltene Wappen von Mauer (1584).

Anlässlich dieser Erneuerung der Lehensherrschaft hören wir auch zum ersten Mal vom Maurer Landgericht. Es handelte sich bei diesem Begriff um die Gerichtsbarkeit über Leben und Tod, auch als Hochoder Blutgerichtsbarkeit bezeichnet, die einer Grundherrschaft in der Regel nicht zustand, ja über die bisweilen nicht einmal Märkte und Städte verfügten. Anlässlich des Endes der Prockhschen Pfandherrschaft hatte man nämlich Untersuchungen eingeleitet, die klarstellen sollten, warum Prockh die hier festgenommenen Übeltäter nicht zum zuständigen Landgericht, nach Wien also, hatte bringen lassen. Dabei war man darauf gestoßen, dass Mauer schon vor der Ära der Pfandherrschaften, somit also in eckartsauischer Zeit, über das Landgericht verfügt hatte. Vielleicht handelte es sich bei diesem Recht, das Mauer über alle anderen Orte des heutigen Bezirkes hinaushebt, um einen Ausgleich, dem man seitens des Landesfürsten gleichzeitig mit der Begründung der Lehensoberhoheit (1341) zugestimmt hatte, vielleicht sind die Anfänge des Maurer Landgerichts aber auch noch älter. jedenfalls gehörte die Blutgerichtsbarkeit seit dem Anfang des 17. Jh.s eindeutig zur Grundherrschaft, ab dem gleichen Zeitraum wissen wir auch von der Existenz eines Galgens, der auf der Flur Leitenwald (heute zwischen Rosenhügel‑, Karl‑Geiß und Karl Schwed-Gasse) errichtet war. Noch im 19. Jh. wurden Mauer und Kalksburg nicht unter den Orten genannt, die zum Wiener Landgericht gehörten.

Graf Tribulz starb am 31. März 1591, und in der Folge blieb die Herrschaft in der Hand seiner Witwe Margaretha, geb. Lasso di Castiglia. Es erfolgte zwar keine Belehnung, die Existenz einer offenen Geldforderung in der Höhe von 20 875 Gulden an den Kaiser war aber Grund genug, ihre Ansprüche auf diese Weise abzufinden. Am 9. November des Jahres 1602 wurde die Herrschaft an die Gräfin unter Aufhebung der Lehensbande verkauft. Sieben Jahre später, am 22. August 1609, trat sie ihre hiesigen Rechte mit kaiserlicher Zustimmung gegen eine jährliche Rente von 1 000 Goldscudi dem Wiener Jesuitenkollegium ab. Als fünf Tage später die Untertanen vom Eid gegen die Gräfin entbunden worden waren und dem Pater Rektor des Akademischen Kollegiums den Untertaneneid geleistet hatten, war der Besitzerwechsel auch im Ort vollzogen, und es begann die Ära der über 170 Jahre andauernden Jesuitenherrschaft in Mauer, Kalksburg und Speising.

Zunächst war das Andreas-Benefizium, über das sich der Kaiser die Verfügungsrechte vorbehalten hatte, noch nicht mit der Herrschaft verbunden. Zwischen 1629 und 1639 kam dann auch dieser Besitzkomplex als Schenkung an die Jesuiten. In diese Epoche ist wohl die Errichtung der Engelsburg an der Stelle des alten Benefiziatenhauses zu verlegen, wohin auch die Andreaskapelle aus dem Schloß Mauer übersiedelt wurde. Aus dem 17. Jh. ist uns bereits das Aussehen dieser beiden großen Baukomplexe, des Schlosses also und der Engelsburg, durch die Ansichten des Georg Matthäus Vischer (1672) überliefert (siehe Titelbilder): Die Engelsburg stellt sich darauf - vom Osten her gesehen - als recht weitläufiger Bau dar, der im Norden über einen zweistöckigen, in Richtung West-Ost verlaufenden Trakt mit einem (durch Zwiebelhaube bekrönten) Turm an seiner Südwestecke verfügte, während ein Innenhof im Westen und Süden von einstöckigen Bauten, im Osten offenbar nur von einer Mauer umschlossen wurde. Die Einfahrt in den Hof erfolgte durch ein stattliches Tor im südlichen Abschnitt der genannten Ostmauer. Ringsum sind ausgedehnte Weingärten zu erkennen, im Hintergrund sehen wir die Anhöhen des Wienerwaldes. Altertümlicher, massiver und wuchtiger zeigt sich im Vergleich dazu das Schloss Mauer. Es besteht zwar ebenfalls aus Bauteilen, die um einen Innenhof gruppiert sind, doch ist dieser bedeutend kleiner als der der Engelsburg, und außerdem machen die einzelnen Trakte einen weitaus wehrhafteren Eindruck. Auch diese Ansicht ist vom Osten her aufgenommen, der höchste Trakt steht wie bei der Engelsburg im Norden. Neben einem offenbar mit Kegeldach abgeschlossenen Turm in der Nordwestecke der gesamten Burganlage ist die Einfahrt in den Hof hier ebenfalls durch einen Turm befestigt, der ein zwiebelförmiges Dach aufweist. Der entscheidende Unterschied zum zweiten, jüngeren Maurer Schloss liegt aber in dem hier vorhandenen, ringsum laufenden Burggraben. Die genannte Hofeinfahrt ist nur über eine Brücke zu erreichen, der wuchtige Nordtrakt des Schlosses wird durch zwei Strebepfeiler gestützt, die im Burggraben ansetzen. Anders als bei der Engelsburg verläuft die Straße hier nicht auf die Einfahrt zu, sondern in Nord-Süd-Richtung am Schloss vorbei (= die heutige Heudörfelgasse).

Die Grundherrschaft der Jesuiten stellte nicht nur, wie das bei allen geistlichen Dominien der Fall war, ein ausgesprochen dauerhaftes und nicht den Problemen von Erbschaften unterworfenes Faktum in der Herrschaftsgeschichte von Mauer dar, sie bildete auch die Garantie dafür, dass im Ort kaum besondere gegenreformatorische Maßnahmen getroffen werden mussten. 1630 berichtete der Pfarrer Plenagl von Atzgersdorf bereits, dass es in Mauer keine Protestanten gebe. Das Gebiet war aber nicht nur von tiefgehenderen religiösen Wirren verschont, soweit wir sehen, wirkten sich aus die verheerenden Seuchen der Zeit im Ort nicht aus. So wurde im Wiener Pestjahr 1679 ein Teil des Jesuitenkollegiums zum Schutz nach Mauer verlegt, wo man offenbar vor der Epidemie sicherer war.

Das Türkenjahr 1683 brachte großes Elend über Mauer. Die Einwohner kamen zu einem Großteil - wie auch in den übrigen Teilen unseres Bezirkes - ums Leben, wurden verschleppt oder versklavt. Der Bericht im Gedenkbuch der Pfarre Atzgersdorf, den wir schon früher erwähnt haben und aus dem wir von einem Massaker am Kaltenbründlberg erfahren, betrifft natürlich auch Einwohner des hier behandelten Ortes. Am 13. Dezember 1684 richtete der Rektor des Wiener Jesuitenkollegiums ein Gesuch an Kaiser Leopold 1., in dem er nicht nur die Verwüstung des Ortes, sondern auch den Verlust wichtiger Unterlagen (Gemeinderechnungen, Grundbücher) beklagte und um die Verminderung der ausstehenden Abgaben ansuchte. Unter den Toten, die Mauer damals zu beklagen hatte, war auch der Ortsrichter, Johann Weixelberger, dessen Sohn Gerard von 1705-1728 Abt von Heiligenkreuz und einer der bedeutendsten Maurer in dieser Epoche war.

Die Wiederbesiedlung nach diesem Katastrophenjahr zeitigte aber bald Erfolge. Aus dem beginnenden 18. Jh. verfügen wir dann bereits über sehr eindrucksvolles Quellenmaterial, wie etwa das Urbar von 1709 oder die ab 1727 einsetzenden Gemeinderechnungen. Nachrichten, wie etwa die von der Installation einer Turmuhr - wohl beim alten Schloss ‑ sind ebenfalls als Indizien für einen wirtschaftlichen und allgemeinen Aufschwung zu werten. Schon im genannten Urbar wird etwa die Abhaltung des Kirchweihtages jeweils am Sonntag nach Johannes dem Täufer (24. Juni) bzw. an diesem Festtag selbst als uralter Brauch erwähnt. Dieser Kirchweihtag, aus dem der spätere "Maurer Kirtag" hervorgegangen ist, stellte einen gar nicht unwesentlichen Faktor im Wirtschaftsleben des Ortes dar. Eine Dorfordnung der Jesuiten von 1730 sah vor allem Maßnahmen gegen die Verrichtung knechtlicher Arbeiten an Sonntagen, gegen das Fernbleiben vom Gottesdienst, gegen Ausschreitungen bei Wirtshausbesuchen, aber auch gegen den Kleiderluxus, im besonderen bei den Frauen, vor.

Schon seit dem 30. Dezember 1682, also noch vor der Türkenbelagerung, hören wir von einem eigenen Gemeindehaus (in der heutigen Lange Gasse), das als Amtssitz des Richters diente, der vor diesem Zeitpunkt stets in seinem eigenen Haus amtiert hatte. Auch die Anfänge der Maurer Schule gehen in diese Zeit zurück. Am 18. November 1692 wird erstmals ein Schulmeister genannt, der den Unterricht in einem eigenen, 1686 errichteten Schulgebäude nördlich neben der Erhardskirche (heute Park) erteilte. Bis auf den heutigen Tag hat sich in Mauer auch eine stattliche Anzahl von Häusern erhalten, die in dieser Wiederaufbauphase nach 1683 entstanden sind. Als eines der eindrucksvollsten Gebäude aus diesen Jahren sei das Haus Lange Gasse 1 erwähnt, das seinen schlossähnlichen Charakter noch bewahrt hat. 1723 erhielt der Hofschmied Johann Christoph Schillinger hier von der Dorfherrschaft Grund zugewiesen, und der von ihm errichtete Bau hat sich bis heute nahezu unverändert erhalten. Nur die geschwungene Freitreppe dürfte eine Zutat aus der zweiten Hälfte des 18. Jh.s sein. Während des Zweiten Weltkrieges diente der ausgedehnte Keller des Hauses mitunter bis zu 2 000 Personen als Zufluchtsort vor den Bombenangriffen.

Einschneidende Veränderungen für die Ortsgeschichte brachte dann 1773 die Auflösung des Jesuitenordens mit sich. Die Verwaltung der Grundherrschaft ging zunächst auf den Staat über, unmittelbar machte sich das zurückbleibende Vakuum im Ort vor allem hinsichtlich der kirchlichen Betreuung bemerkbar. Eine Abhilfe schuf man zunächst 1775 mit der Wiedererrichtung des 1773 ebenfalls aufgehobenen St. Andreas-Benefiziums. Der dortige Benefiziat wurde zur Besorgung des Gottesdienstes in der Erhardskirche verpflichtet. Eine endgültige Neuregelung des kirchlichen Lebens erfolgte dann aber erst mit der Erhebung zur eigenen Pfarre durch das Hofkanzleidekret vom 20. Juli 1783 im Zuge der Reformen Kaiser Josephs II. In personeller Hinsicht knüpfte man an die früheren Zustände an, indem der seit 1775 zum Benefiziaten von St. Andreas bestellte Exjesuit Georg Maximilian Wechinger der erste Pfarrer von Mauer wurde.

Mit dieser Regelung waren aber auch noch andere Maßnahmen verbunden, die das Ortsbild neu prägten. So wurde wenige Jahre nach der Pfarrerhebung in Ausführung der kaiserlichen Anordnungen, die eine Verlegung der Friedhöfe auf Gründe außerhalb des Ortszentrums vorsahen, der alte, um St. Erhard gelegene Friedhof (seit 1686 belegt) aufgelassen. In der Folge wurden die Verstorbenen auf dem am 8. Mai 1786 eingeweihten Gottesacker an der dem Ort zugewandten Ecke zwischen Speisinger Straße und Franz Asenbauer-Gasse bestattet. Auch das Gemeindehaus wurde in diesen Jahren verlegt. Vielleicht schien es erforderlich, diesen Amtssitz mehr an das Zentrum des Ortes zu binden, jedenfalls amtierte der Richter nach einem Tausch im Jahre 1778 nicht mehr in der Lange Gasse, sondern auf dem Hauptplatz in einem Haus, das vorher Michael Mayr und seiner Frau Maria gehört hatte. Im gleichen Jahr kam es auch zur Errichtung eines Gemeindegasthauses In eben diesem neuen Amtshaus (heute Ecke Speisinger Straße/Maurer Hauptplatz). Dass es in diesen Jahren zur Umgestaltung und Vergrößerung der Schule kam (1780), fügt sich in das Bild größerer Veränderungen im Ortsbild ein. Betroffen davon waren auch die beiden Maurer Herrschaftssitze, die nun nach dem Ende der Jesuitenherrschaft leerstanden und in den Jahren 1775‑1777 zu Kasernen umgewandelt wurden. Seither trugen sie die Namen "Untere" (altes Schloss Gereut) bzw. "Obere Kaserne" (Engelburg). Diese militärischen Niederlassungen boten freilich auch neue Erwerbsmöglichkeiten im Ort (Versorgung der Soldaten), und schon 1777/78 wurden im sogenannten "Heudörfel", also bei der Unteren Kaserne, 13 neue Dominikalbehausungen errichtet. Schließlich haben wir in dieser Epoche der staatlichen Verwaltung von Mauer noch eines Großbauprojektes zu gedenken, das zum Teil auf Maurer Gemeindegebiet zur Ausführung gelangte. Damals wurde nämlich der schon unter Kaiser Karl Vl. bestehende Lainzer Tiergarten mit einer durchgehenden Umfassungsmauer umgeben; Kaiser Joseph II. ging dabei auf das Angebot eines völlig unbekannten Maurergesellen aus Alland im Wienerwald namens Philipp Schlucker (* 7. 5. 1748, Alland Nr. 61, t 9. 4. 1820, Wien Nikolsdorf Nr. 22, heute 5., Siebenbrunnengasse 3) ein, der die geringsten Baukosten veranschlagte. Von 1782-1787 wurde die Mauer errichtet, und die Konkurrenten Schluckers, auf die das Wort vom armen Schlucker" zurückgehen soll, hatten das Nachsehen.

Mit dem Kauf der Herrschaft Mauer, zu der die Gemeinden Mauer, Kalksburg und Speising gehörten (durch Franz von Mack am 14. Jänner 1790), endete die Periode der staatlichen Verwaltung und begann die letzte Epoche der grundherrschaftlichen Ära im Ort. Der Person und den Verdiensten Macks haben wir uns schon im Zusammenhang mit Kalksburg zugewendet (siehe S. 44 f.). Dabei wurde ganz deutlich, in welcher unterschiedlicher Weise sich die Herrschaft der drei Macks zwischen 1790 und 1848 in den einzelnen Orten ihres Bereiches auswirkte. Gerade Franz von Mack widmete sich in erster und fast ausschließlicher Weise dem Ort Kalksburg, der wohl auch den größten Anreiz für ein adeliges Landleben bot.

Die Wende vom 18. zum 19. Jh. war der Zeitraum der beginnenden Industrialisierung und damit einer Veränderung nicht nur des wirtschaftlichen Gepräges, sondern auch der Lebensweise des Einzelnen und damit der sozialen Struktur. Auch in Mauer finden wir schon recht früh Nennungen von Fabriken (1785: Krappmühle j. Schmidl), doch gelangte der neue Wirtschaftszweig zu keiner größeren Bedeutung. Vielmehr blieb der Ort weiterhin aufs stärkste von der Landwirtschaft, und hier vor allem vom Weinbau, geprägt. Nach einer Phase allgemeiner wirtschaftlicher Depression zu Beginn des 19. Jh.s, als die Franzosen in den Jahren 1805 (12. September bis 6. Jänner 1806) und 1809 (11. Mai bis 17. September) auch in Mauer weilten (nach dem Gedenkbuch der Pfarre übernachtete Kaiser Napoleon in der Nacht vom 12. zum 13. November 1805 im Eckhaus Kirchengasse, heute Geßlgasse/Lange Gasse) und es zwei Jahre später zum Staatsbankrott von 1811 kam, konnte dieser Tiefpunkt allmählich wieder überwunden werden. Einen entscheidenden Beitrag dazu lieferte zweifelsohne das Aufkommen eines völlig neuen Wirtschaftszweiges, der ja auch für Rodaun und Kalksburg große Bedeutung erlangte, nämlich des Fremdenverkehrs. In seiner bekannten "Darstellung des Erzherzogthums Oesterreich unter der Ens" aus dem Jahre 1831 berichtet Franz Schweickhardt Ritter von Sickingen über Mauer: "Die ganze Gegend von hier ist wunderschön, an den mannigfachsten Abwechselungen überaus reich, und wird daher von den land‑ und naturliebenden Städtern häufig besucht, die hier nicht nur alle möglichen ländlichen Vergnügungen finden, sondern auch durch die gesunde Luft wohlthätige Einwirkung auf ihre Gesundheit empfinden." Mit dieser Rolle als Sommerfrische der Wiener korrespondiert auch die Tatsache aufs beste, dass schon 1827 eine ständige Stellfuhr von Mauer über Speising, Lainz, Hietzing und dann durch die Mariahilfer Linie nach Wien eingerichtet wurde. 1840 verfügte der Lizenzinhaber Christoph Rziha bereits über fünf Stellwagenlizenzen für Fahrten von Mauer nach Wien.

Mit der Erwerbung von Liesing durch Valentin 1. von Mack im Jahre 1832 befand sich ein beträchtlicher Teil des heutigen Bezirksgebietes in Mackscher Hand. Sein Sohn und Nachfolger, Valentin II., entfaltete dann ab 1838 vor allem in Mauer eine dem Ort sehr förderliche Aktivität. Sein Weitblick zeigte sich nicht zuletzt in der Errichtung einer eigenen Wasserleitung für Mauer, die am 4. Juni 1844 eröffnet wurde. Mit dem nunmehr auf dem Hauptplatz befindlichen Brunnen, in den diese Wasserleitung ausmündete, war zumindest ein Anfang für die allmähliche Zurückdrängung der Hausbrunnen gemacht, die eine ständige Gefahrenquelle für die Ausbreitung von Seuchen darstellten. Nur ein Choleratoter im Jahre 1831 sprach zwar entschieden für gute sanitäre Verhältnisse in Mauer, dennoch mochte man das Auftreten der Krankheit doch auch als Warnung empfunden haben.

Anders als in mehreren, stärker industrialisierten Gebieten des heutigen Bezirkes hat das Revolutionsjahr 1848 in Mauer keine erkennbaren Auswirkungen gezeitigt. Der Konkurs des letzten Grundherrn, Valentin 11. von Mack, im Jahre 1849 mochte dazu beigetragen haben, dass die Grundentlastung, die Ablösung der grundherrlichen Rechte, schon 1853 durchgeführt werden konnte. Die alte Grundherrschaft war fortan nur mehr ein gutsherrlicher Komplex (Familie Wittgenstein), die Gemeinde wurde seit 1850 durch Bürgermeister geleitet.